Was du hoffst, bestimmt, wie du lebst.
Vom Kirchenjahr her befinden wir uns in der Fastenzeit, der etwa vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Bevor wir es feiern, kommt allerdings der Karfreitag – der Tag, an dem Jesus am Kreuz stirbt. Wenn ich mich gegenwärtig umschaue, fühlt sich die Weltlage nach einem andauernden Karfreitag an. Der Wunsch, sicher und gut zu leben, wird an vielen Fronten gleichzeitig bedroht. Es sind große Sorgen, die uns zermürben: die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg, politische Spaltungen, Kriege, Chaos und der Klimawandel. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Stimmung, in der vieles schlechtgeredet wird – wie z. B. die Bahn oder die Politik. All das führt zu einer tiefen Unzufriedenheit und der trügerischen Sehnsucht, dass „früher alles besser“ war. Sogar in Kirchen nehme ich nicht selten eine resignative Stimmung wahr. Man verwaltet lieber den Rückzug, anstatt mutig und visionär zu gestalten.
Ich habe den Eindruck, dass es vielen Menschen heute ähnlich geht wie Jesu Jüngern an Karfreitag. Für sie bricht an diesem Tag die Welt zusammen. Sie haben ihren festen Wohnort, ihre Arbeit und ihre Verwandten zurückgelassen und alles auf eine Karte gesetzt – auf Jesus, ihren Lehrer und Meister. Doch dann wird er hingerichtet und stirbt am Kreuz. Plötzlich stehen sie vor dem Nichts. Der Traum von einer gerechten Welt ist zerbrochen. Verzweiflung und Resignation machen sich breit. Die Folge? Sie ziehen sich zurück, sind enttäuscht von den Regierenden, ihren Volksgenossen, von Gott. Wenn die Welt im Chaos unterzugehen scheint, ziehen wir uns heute ebenfalls ins Private zurück, suchen dort Geborgenheit und Ruhe. Doch oft wartet dort bereits die nächste Überforderung auf uns, denn die anderen Familienmitglieder sind ebenfalls von ihrem Alltag, der Arbeit oder der Schule erschöpft, und die Sehnsucht nach Harmonie wird nur unzureichend gestillt.
Was hilft da? Hoffnung! Der evangelische Theologe Martin Thoms schreibt: „Was du hoffst, bestimmt, wie du lebst.“ Hoffnung entscheidet darüber, ob du voller Erwartung oder Verzweiflung vorangehst, ob du die beste Zeit hinter dir siehst oder vor dir. Menschen sind Hoffnungswesen. Ohne Hoffnung vergehen wir in Sinnlosigkeit und Verzweiflung. Obwohl wir die harte Realität erleben, dass die Gerechtigkeit nicht immer siegt, die Liebe am Tod scheitert und Glück nie von absoluter Dauer und Sicherheit ist, hoffen wir.
Für Jesu Nachfolger ändert sich mit Ostern die Welt. Denn nachdem an Karfreitag alles verloren scheint, greift Gott ein. Er erweckt Jesus zu neuem Leben. Die einst zurückgezogenen, ängstlichen Jünger Jesu sagen die gute Nachricht vom Sieg Gottes am Kreuz mutig weiter. Denn nicht der Tod hat das letzte Wort, nicht die Ungerechtigkeit und Sinnlosigkeit, sondern Gottes Liebe.
Die Bibel ist ein Buch voller Krisen. Menschen erleben darin viele Situationen, die schlimmer sind als unsere heutigen Nöte. Doch die zentrale Botschaft Gottes lautet immer wieder: „Fürchte dich nicht“. Das ist eine Einladung zum Blickwechsel. In Krisen sehen wir nur noch das Problem, sitzen gelähmt wie das Kaninchen vor der Schlange. Ostern lädt uns ein, den Blick zu heben zu dem, der alles in der Hand hält. Wo wir das tun, verschwinden unsere Probleme nicht einfach, aber sie relativieren sich. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.
Die niederländische Christin Corrie ten Boom (1892–1983) versteckte zusammen mit ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Juden in ihrem Haus und rettete damit etwa 800 Menschen das Leben. Als ihre Taten aufgedeckt wurden, kam sie in das Konzentrationslager Ravensbrück. Von ihr ist der Satz überliefert: „Mut ist Angst, die gebetet hat“. Angst ist eine natürliche Reaktion und ein wichtiges Warnsignal. Doch wenn sie zu viel Raum einnimmt, wird es eng, wir werden mutlos und lassen uns lähmen. Corrie ten Boom rät, die Angst nicht zu verdrängen, sondern sie im Gebet vor Gott zu bringen. Daraus erwächst eine „göttliche“ Gelassenheit. Es gibt jemanden, der über allem steht und der das letzte Wort spricht. Ja, der sogar stärker ist als der Tod. Darum muss ich nicht länger das Kaninchen vor der Schlange sein, sondern darf mutig handeln und hoffen.
(Jens Deiß, Pastor der FeG Bad Schönborn)