Der gute Geist Gottes
„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen!?“ Wenn meine Mutter zu mir mit ziemlich schneidender Stimme diesen Satz sagte, dann wusste ich, dass es nun ernst wird. Dieser Satz spiegelte den Ärger und das Entsetzen über etwas wieder, was sie ihr Kind hatte tun sehen. Der Satz klang nach einem enttäuschten „Das hätte ich nicht von dir gedacht!“, aber auch nach einem verärgerten „Wie kannst du nur so dumm sein!“-Vorwurf.
Von allen guten Geistern verlassen – das denken bestimmt auch viele, wenn sie heute die Nachrichten hören und die Zeitungen aufschlagen. Kriege werden gegeneinander geführt, statt miteinander gut auszukommen. Streit wird zelebriert, statt sich auf das zu einigen und gemeinsam umzusetzen, was notwendig ist, was die Not wendet. Empörung über Kleinigkeiten erzeugt Shitstorms und das, was das gute Miteinander trägt, gerät dabei immer mehr und immer wieder aus den Blick. Hätten wir das gedacht, dass es uns kaum gelingt, uns auf einen gemeinsamen guten Weg zu einigen – bei aller Diskussion über die Ausgestaltung, die dazu erforderlich ist? Es scheint, als ob aufgeregte Ratlosigkeit, wütender Ärger, achselzuckende Resignation die emotionale Mischung ist, die uns überall begegnet, oder?
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag!“ Dietrich Bonhoeffer schlägt in diesem berühmten Gedicht, das er für seine Verlobte geschrieben hat, einen anderen Ton an: Zuversicht, Gelassenheit, sachliche Nüchternheit und Freude auf das, was kommen mag. Dieser Text ist nicht in der „guten alten Zeit“ entstanden, sondern in sehr böser Zeit. Die Gestapo hatte Dietrich Bonhoeffer verhaftet, er saß in Tegel im Gefängnis und ihm drohte Folter und Hinrichtung. Im Dezember 1944 schreibt er einen Weihnachtsgruß an seine Verlobte und legt dieses Gedicht bei. Trotz aller Widrigkeiten und Widerwärtigkeiten ist er im Gefängnis in Tegel nicht „von allen guten Geister verlassen“, sondern ein anderer Geist erlaubt es ihm, seine Gegenwart so zu deuten, dass sie für ihn Perspektive und Hoffnung beinhaltet.
Der gute Geist Gottes, den wir am Pfingstfest besonders feiern, er ist es, der uns eine neue Perspektive schenkt. Er ist keine religiöser Geist, auch kein kirchlicher oder romantischer Geist, sondern er ist der Geist unseres Vaters im Himmel, der die Schöpfung gemacht hat und der uns ermuntert und gebietet, Hüter der Schwester und des Bruders zu werden und zu sein. Die Quelle dieses Geistes liegt nicht in unserer Erkenntnis, in unserer Bildung, in unserer Gesinnung. Die Quelle dieses Geistes ist keine menschliche Quelle, sondern sie entspringt in Gott selbst, der uns in Jesus Christus begegnet und nahe kommt. Dieser Geist Gottes ist es, der Ursprung allen Lebens ist. Er ist ein Geist der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Freiheit. Dieser Geist Gottes ist es, der Leben erhält und Hoffnung spendet. Dieser Geist ist es, der uns vor Jammern bewahrt und uns eine Perspektive schenkt, die einen guten Weg weist, einen Ausweg in aller Ausweglosigkeit, einen Weg in die Freiheit bei aller Beschränkung und einen Weg aus der kollektiven Verantwortungslosigkeit zu einem gelingenden und gedeihlichen Miteinander.
Das ist zu schön, um wahr zu sein? Ja – wenn es eine menschliche Theorie oder Weltanschauung wäre, dann wäre es bestimmt nicht wahr. Wie oft haben Menschen den Himmel auf Erden versprochen bekommen – und nachher war es mehr Hölle als Himmel. Aber der Geist Gottes ist keine Theorie, er ist erfahrbare Wirklichkeit. Der Geist Gottes weht, wo er will – und oft nicht dort, wo wir ihn vermuten. Aber er weht, er schafft Bewegung und freien Raum ohne Bedrängnis. Paulus schreibt dazu: „Die der Geist Gottes treibt, dass sind die Kinder Gottes!“
Die guten Mächte, die uns bergen und trösten, haben ihren Ursprung im guten Geist Gottes. Wenn wir uns vom Geist Gottes lenken und bewegen lassen, dann wird das Leben gewinnen und die Menschlichkeit Raum finden.
In diesem Sinn wünschen wir Ihnen und allen Menschen um Sie herum ein gesegnetes und fröhliches Pfingstfest und eine gut begründete Hoffnung für die kommende Zeit.
(MV)